„In Deutschland werden deutlich mehr Menschen wegen Hautkrebs im Krankenhaus behandelt als noch vor 20 Jahren. Das Statistische Bundesamt meldet eine beinahe Verdopplung der Fallzahlen. Auch bei den Todesfällen ist die Tendenz steigend.“ warnt die Tagesschau.
Besonders in den Sommermonaten rücken die steigenden Hautkrebszahlen in den Fokus der Medien. In diesem Jahr bekam das Thema zusätzliche Brisanz, denn diesmal geriet die Hautkrebsvorsorge selbst als Kassenleistung auf den Prüfstand. Möglicherweise wird das kostenlose Screening künftig nur noch für Risikogruppen angeboten.
Diese Diskussion ist eine gute Gelegenheit, sich das Thema aus datentechnischer Perspektive anzuschauen. Wir wollen uns konkrete Zahlen anschauen und prüfen, ob wir damit eine Entscheidung treffen können
Was sagen uns die Daten konkret für Deutschland? Gibt es in den Daten Hinweise darauf, dass die Vorsorge etwas bringt, oder findet sie vor allem mehr? Wie viele Menschen erkranken überhaupt?
Ich konzentriere mich dabei auf den schwarzen Hautkrebs, das maligne Melanom, denn er ist für den Großteil der Hautkrebs-Todesfälle verantwortlich.
Vorweg: Nicht alles lässt sich einfach beantworten. Ich zeige hier vier Stichjahre (2004, 2008, 2021 und 2023), aber auch daran lassen sich Tendenzen erkennen.
Außerdem spielen zwei Ereignisse eine wichtige Rolle:
2008 wurde das gesetzliche Hautkrebs-Screening eingeführt. Gleichzeitig verbesserten sich in den folgenden Jahren auch die Behandlungsmöglichkeiten für fortgeschrittene Melanome. Spätestens ab Mitte der 2010er-Jahre wird es deshalb schwierig, Veränderungen der Sterblichkeit eindeutig der Vorsorge oder der Therapie zuzuschreiben.
Um das genau auseinanderzurechnen, bräuchte es aufwändigere Studien, das kann mein Blogpost nicht leisten. Trotzdem können wir uns die Trends anschauen und erste Rückschlüsse ziehen.
Nach meiner Recherche auf krebsdaten.de (Robert Koch Institut) ist folgende Übersicht entstanden:
| 2004 | 2008 | 2021 | 2023 | |
|---|---|---|---|---|
| Männer | 7.371 | 10.354 | 13.991 | 15.718 |
| Frauen | 7.494 | 10.316 | 12.525 | 13.995 |
| Gesamt | 14.865 | 20.670 | 26.516 | 29.713 |
| 2004 | 2008 | 2021 | 2023 | |
|---|---|---|---|---|
| Männer | 1.256 | 1.365 | 1.692 | 1.851 |
| Frauen | 1.037 | 1.135 | 1.236 | 1.318 |
| Gesamt | 2.293 | 2.500 | 2.928 | 3.169 |
| 2004 | 2008 | 2021 | 2023 | Veränderung 2004–2023 | |
|---|---|---|---|---|---|
| Inzidenz Männer | 15,0 | 19,9 | 22,6 | 24,8 | +65 % |
| Inzidenz Frauen | 14,4 | 19,2 | 21,0 | 22,9 | +59 % |
| Mortalität Männer | 2,5 | 2,5 | 2,4 | 2,6 | +4 % |
| Mortalität Frauen | 1,6 | 1,6 | 1,4 | 1,5 | −6 % |
Quelle: Zentrum für Krebsregisterdaten (RKI), Datenbankabfrage auf krebsdaten.de, Abruf am 22.10.2026. Die Zahlen für 2023 sind noch vorläufig.
Die Neuerkrankungen bei den Männern kletterten von knapp 7.400 im Jahr 2004 auf gut 15.700 im Jahr 2023. Die Gesamtzahl: von knapp 15.000 auf knapp 30.000 Fälle. Das ist praktisch eine Verdopplung, bei Männern sogar etwas mehr. Mein erster Gedanke: „Die Zahlen explodieren! Alle sofort in den Keller, Sonne meiden!“
Mein zweiter Gedanke: „Moment. Wer zählt da eigentlich was und warum?“ Denn eine Zahl, die steigt, ist erst mal nur eine Zahl, die steigt. Ob dahinter wirklich mehr kranke Menschen stecken, ist eine ganz andere Frage. Also machen wir das, was man bei einem guten Krimi macht: Wir verhören die Verdächtigen.
Wenn Fallzahlen steigen, gibt es hier in meinen Augen grob vier Kandidaten, die das verursacht haben könnten.
Die Verdächtigen:
Und dann ist da noch die Frage, die mich persönlich am meisten interessiert:
Wenn mehr Menschen erkranken, sterben dann auch mehr? Und wenn nicht, warum nicht?
Der Bevölkerungsboom ist schnell entlastet. Deutschland ist zwischen 2004 und 2023 um ein paar wenige Prozent gewachsen, grob von gut 82 auf knapp 85 Millionen (gerundet). Damit erklärt man vielleicht ein paar hundert zusätzliche Fälle, aber niemals eine Verdopplung. Freispruch.
Die Alterung ist da schon verdächtiger. Zum Glück haben wir hier ein Hilfsmittel: die sogenannte Altersstandardisierung (siehe die Tabelle mit den alterstandardisierten Daten). Damit können wir den Effekt der Alterung aus den Zahlen herausrechnen. Man tut im Prinzip so, als hätte die Bevölkerung 2004 und 2023 dieselbe Altersmischung gehabt. Und siehe da: Auch ohne den Alterungseffekt steigt die Rate deutlich, bei Männern um 65 Prozent, bei Frauen um 59 Prozent. Die Alterung erklärt also einen Teil des Anstiegs, aber eben nicht alles. Der Rest muss andere Ursachen haben. Die Ermittlungen laufen weiter.
Daten-Lektion:
Steigende Fallzahlen bedeuten nicht automatisch steigendes individuelles Risiko. Wenn Bevölkerung und Altersstruktur sich verändern, können absolute Zahlen stark steigen, obwohl sich das Risiko weniger stark verändert.
Jetzt kommt der spannende Teil.
Zwar sind auch die absoluten Todesfälle gestiegen, von knapp 2.300 auf knapp 3.200. Rechnet man aber auch hier die Alterung heraus, bleibt die Sterberate praktisch gleich: bei Männern +4 Prozent, bei Frauen sogar −6 Prozent. Und das, während die altersstandardisierte Erkrankungsrate um 65 bzw. 59 Prozent gestiegen ist.
Anders gesagt: Es werden heute deutlich mehr Melanome diagnostiziert, aber die altersstandardisierte Sterberate an Melanomen in der Bevölkerung ist praktisch gleich geblieben. Zumindest wenn man den wachsenden Anteil älterer Menschen herausrechnet.
Warum ist das so interessant? Ein Melanom, das gestreut hat, ist eine sehr gefährliche Krebsform. Wenn tatsächlich deutlich mehr Menschen an gefährlichen Melanomen erkranken würden, müsste eigentlich auch die Sterberate steigen. Das tut sie aber nicht. Dafür gibt es drei mögliche Erklärungen:
Überdiagnose: Ein Teil der zusätzlichen Fälle sind Melanome, die nie gefährlich geworden wären. Wir finden sie nur, weil wir mehr suchen.
Früherkennung: Ein Teil sind Melanome, die dank früher Entdeckung rechtzeitig entfernt wurden, bevor sie streuen konnten.
Bessere Therapien: Seit etwa 2015 gibt es neue Immuntherapien, die auch Patienten mit fortgeschrittenem Melanom deutlich länger leben lassen. Es könnte also auch sein, dass tatsächlich mehr gefährliche Melanome auftreten, die bessere Behandlung aber verhindert, dass mehr Menschen daran sterben.
Ein Blick auf die ganze Zeitreihe und die Grafik oben hilft ein Stück weiter: Zwischen 2008 und 2015, also in den ersten Jahren nach Einführung des Screenings, sinkt die Sterberate nicht. Bei Männern steigt sie sogar leicht. Erst danach geht sie etwas zurück. Das passt eher dazu, dass das Screening vor allem mehr findet, und weniger dazu, dass es viele Todesfälle verhindert. Die Unterschiede liegen allerdings im Bereich weniger Zehntel, man sollte sie also nicht überbewerten.
Der Verdacht auf Überdiagnose ist ziemlich stark: Die Zahl der diagnostizierten Melanome steigt deutlich, die Sterblichkeit aber längst nicht im gleichen Maß. Das deutet schon darauf, dass man womöglich Melanome findet, die vergleichsweise wenig bösartig sind. Das wäre problematisch, denn dann würden wir zwar mehr Melanome finden, ohne zwangsläufig entsprechend mehr gefährliche Verläufe zu verhindern. Wichtig ist aber: Aus diesen deskriptiven Daten allein lässt sich nicht ableiten, wie groß der Anteil der Überdiagnosen tatsächlich ist. Sie zeigen ein auffälliges Muster aber nicht die vollständige Ursache dahinter.
Was könnte also noch als Ursache gelten?
Ein großer Nutzen wäre in den Daten zu sehen, ein kleiner aber möglicherweise nicht. Ein Rechenbeispiel: Würde das Screening die Melanom-Sterblichkeit um fünf Prozent senken, würde eine Sterberate von etwa 2,5 pro 100.000 nur auf rund 2,4 sinken. Für die Betroffenen wäre dieser Unterschied natürlich enorm, in einer jährlichen Bevölkerungsstatistik wäre er aber vergleichsweise klein.
Und genau da liegt das Problem: Die Sterberate schwankt ohnehin jedes Jahr um 0,1 bis 0,3 hin und her. Ein Rückgang um 0,1 wäre in solchen jährlichen Schwankungen nur schwer zu erkennen. Dazu kommt, dass längst nicht alle zur Vorsorge gehen. Wenn das Screening nur bei einem Teil der Menschen wirkt, wird der Effekt auf die ganze Bevölkerung noch kleiner.
Was die Daten zeigen: Einen großen Rückgang der Melanom-Sterblichkeit seit Einführung des Screenings sehen wir nicht.
Ob es einen kleinen Nutzen gibt, lässt sich mit diesen Bevölkerungsdaten nicht klären. Dafür bräuchte es Studien mit einer geeigneten Vergleichsgruppe, idealerweise Menschen, die zum Screening eingeladen werden, im Vergleich zu Menschen ohne Einladung.
Ein Melanom, das 2008 früh entfernt wird, hätte vielleicht erst 2015 oder 2020 zum Tod geführt. Ein Nutzen des Screenings würde also erst Jahre später sichtbar. Und genau ab 2015 sinkt die Sterberate tatsächlich leicht. Nur kommen ab 2015 auch die neuen Immuntherapien auf den Markt. Was davon den Rückgang verursacht, lässt sich nicht trennen.
Um meine Ermittlungen zu überprüfen, habe ich mich im zweiten Schritt durch die Presse gelesen. Im Juni 2026 erschien in JAMA Dermatology eine Studie, die genau meine Frage stellt, nur mit deutlich mehr Daten. Die Forscher haben Deutschland mit neun Nachbarländern verglichen, die kein Screening haben. Das Ergebnis: Die Melanom-Sterblichkeit sinkt überall, in Deutschland um 1,8 Prozent pro Jahr, bei den Nachbarn sogar um 2,2 Prozent. Die Länder ohne Vorsorge schneiden also mindestens genauso gut ab.
Eine Studie aus Schleswig-Holstein hat sich tatsächlich die Tumorstadien angesehen. Nach dem Screening gab es mehr frühe Melanome und deutlich weniger fortgeschrittene . Das spräche für Früherkennung. Allerdings wurde in dieser Zeit die Einteilung der Stadien geändert, was das Ergebnis verfälscht haben könnte. Hier ist die Frage also noch offen.
Zeit, die Ermittlungen abzuschließen. Was wissen wir jetzt?
Die Zahl der entdeckten Melanome hat sich seit 2004 ungefähr verdoppelt. Auch wenn man die Alterung herausrechnet, bleibt ein kräftiger Anstieg. Die Sterberate dagegen hat sich kaum bewegt. Und wo sie leicht sinkt, sinkt sie in unseren Nachbarländern genauso, ganz ohne Screening. Damit wird ein Verdächtiger besonders interessant: Wir finden mehr, weil wir mehr suchen. Wie viel des Anstiegs tatsächlich darauf zurückgeht und wie viel auf einen echten Anstieg der Erkrankungen, lässt sich aus diesen Daten allein aber nicht sagen.
Heißt das, die Vorsorge ist nutzlos? Ganz so einfach ist es nicht. Die Daten zeigen jedenfalls keinen großen, klar erkennbaren Nutzen bei der Melanom-Sterblichkeit. Ein kleiner Nutzen wäre in solchen Bevölkerungsdaten deutlich schwerer zu erkennen. Beweisen lässt er sich mit Bevölkerungsdaten nicht, widerlegen aber auch nicht. Der Fall bleibt also ein Stück weit offen.
Und die Ausgangsfrage, ob das Screening Kassenleistung bleiben soll?
Mit diesen Daten lässt sich ein großer Nutzen eines flächendeckenden Screenings für alle ab 35 nicht überzeugend zeigen. Der Gemeinsame Bundesausschuss wird bis Ende 2027 prüfen, ob ein risikobasiertes Screening sinnvoller wäre. Ich bin gespannt, ob er zu einem ähnlichen Schluss kommt.
Ich persönlich gehe trotzdem weiter zur Vorsorge. Aber ich gehe mit offenen Augen hin. Denn Screening hat auch Nebenwirkungen: Wer genauer hinschaut, findet auch Auffälligkeiten, die sich später als harmlos herausstellen. Dann folgen Wartezeit, Gewebeprobe, eine kleine Narbe und vor allem Sorge. Das gilt erst recht, wenn Muttermale zusätzlich per KI-Software bewertet werden. Ein Programm, das im Zweifel lieber einmal zu oft Alarm schlägt, erzeugt eben auch Fehlalarme. Dazu habe ich hier schon mal was geschrieben.
Was mir beim Hautkrebs gefehlt hat, ist eine wirklich gute Vergleichsgruppe. Beim Mammographie-Screening gibt es Daten, bei denen Frauen zur Teilnahme eingeladen wurden und andere nicht.
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Frauen, die zum Screening eingeladen werden, gegen Frauen, die nicht eingeladen werden. Wer schneidet besser ab? Spoiler: Es ist komplizierter, als die Plakate im Wartezimmer vermuten lassen.
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