Experten können irren – Beispiel Royal Statistic Society

Die Britische Royal Statistic Society, eine renomierte Organisation, die nach eigenen Angaben 9.000 Statistikexperten rund um den Globus vereint, veröffentlicht jedes Jahr „Statistiken des Jahres“. Es geht dabei um besodere Statistiken, die Bedeutung für Öffentlichkeit haben.

Im Jahr 2017 gewann in der Kategorie „Internationale Statistik des Jahres“ eine besondere Statistik. Die Statistik, die die Zahl der Amerikaner, die durch Rasenmäher ums Leben kommen mit der Zahl der Amerikaner, die durch den islamistischen Terrorisumus ums Leben kommen, verglich. Aus der Statistik ging hervor, dass Rasenmäher gefährlicher sind als der islamistische Terrorismus.

Wie kam es zu dieser Berechnung?

Der Hintergrund für diese Auszeichnung war nicht weniger interessant. Offenbar hat Kim Kardashian-West in einem ihrer Tweets einen Artikel von Richard Todd in Huffington Post zitiert. In seinem Artikel verglich Todd verschiede Todesfälle miteinander. Hauptsächlich ging es darum, dass diverse Todesfälle (wie eben die durch einen Rasenmäher) häufiger auftreten als Todesfälle durch den islamistischen Terrorismus. Todd (siehe den Beitrag in Huffington Post) gibt an, dass die durchschnittliche Anzahl der Amerikaner, die durch Rasenmäher ums Leben kommen, 69 beträgt. Dagegen kommen jährlich offenbar nur 2 Amerikaner durch den islamistischen Terrorismus ums Leben.

Dieser Vergleich sollte als eine Entwarnung für alle besorgten Amerikaner dienen und zeigen, dass das Risiko durch den islamistischen Terrorismus zu sterben sehr gering ist.

Kim Kardashian fühlte sich offenbar von dieser Statistik sehr beeindruckt und tweetete sie an ihre breite Followerbasis, was dann global fürs Aufsehen sorgte.

Die Experten der Royal Statistic Society würdigten am Ende diesen Beitrag mit dem Preis „Beste Internationale Statistik des Jahres“. In der Begründung der Vergabe hieß es:

„Judging panel member Liberty Vittert said: ‚Everyone on the panel was particularly taken by this statistic and its insight into risk – a key concept in both statistics and everyday life. When you consider that this figure was put into the public domain by Kim Kardashian, it becomes even more powerful because it shows anyone, statistician or not, can use statistics to illustrate an important point and illuminate the bigger picture.“

Quelle: statslife.org.uk

Sind Rasenmäher wirklich eine größere Gefahr als die Terroristen?

Bereits ohne mathematische Vorkenntnisse wird dieser Vergleich den meisten Menschen (hoffentlich) als sehr zweifelhaft vorkommen. Dies auch nicht ohne Grund.

Das Problem bei diesem Vergleich ist, dass sich die Risiken in ihren Eigenschaften voneinander deutlich unterscheiden können – und das bleibt nicht ohne Folgen.

Systemische Risiken und zufällige Risiken

Nassim Taleb, ein beruhmter Risikoexperte, unterteilt Risiken in zwei Gruppen: systemische Risiken und zufällige Risiken.

Zu den zufälligen Risiken gehört u.a. das Risiko durch einen Rasenmäher ums Leben zu kommen. Die zufälligen Risiken sind „normal“, d.h. sie folgen einer Normalverteilung und können durch diese abgebildet werden. Zu den Eigenschaften der Normalverteilung in diesem Fall gehört eben, dass es selten oder nie passieren wird, dass sich die Zahl der Toten durch Rasenmäher in einem Jahr verzehnfacht.

Im Fall eines Terrorangriffs kann aber die Zahl der Toten sehr schnell ansteigen und auch schwanken. Es reicht ein Terroranschlag und die Zahl der Toten kann sich verhundertfachen. Aus diesem Grund gehören daher die Risiken im Zusammenhang mit dem Terrorisums laut Taleb in die Gruppe der systemischen Risiken.

Dieses Argument wurde von Norman Fenton und Martin Neil (beide Profesoren an der Queen Mary University of London) in einem Artikel „Are lawnmowers a greater risk than terrorists?“ sehr gut erklärt. Die beiden Autoren beschreiben in dem besagten Artikel, wieso dier Vergleich zwischen Rasenmäher und Terrorismus nicht stimmen kann.

Laut Fenton und Neil bezieht sich im Fall von Rasenmähern das Risiko jeweils nur auf eine begrenzte Anzahl von Personen. Im Fall des Rasenmähens eben meistens nur eine – derjenigen, die mäht. Dagegen können Risiken aus der systemischen Gruppe viele Menschen auf einmal betreffen.

Es ist wenig wahrscheinlich, dass im kommenden Jahr in New York Tausende durch Rasenmäher ums Leben kommen. Im Fall eines terroristischen Angriffs ist aber eine solche Gefahr nicht auszuschließen.

Die Differenz zwischen den Risiken wird auch durch folgende Überlegung deutlich: wie kann ich mich vor den beiden Gefahren schützen?

Im Fall Rasenmähers ist die Gefahrenquelle relativ klar bennenbar. Wenn man das Risiko vermeiden möchte, sollte man keinen Rasenmäher benutzen, bestimmte Berufe meiden usw.

Wie kann sich aber zum Beispiel ein Anwohner in Berlin  vor einem Terrorangriff schützen? Hier ist die Antwort nicht mehr so klar, denn die Optionen sind ziemlich vielfältig und nicht so einfach umsetzbar.

Monokausal vs Interdependent

Die Risiken verbunden mit dem Nutzen eines Rasenmähers sind monokausal aufgebaut. Die Gefahr ist  unabhängig: zwei Menschen werden in der Regel von zwei verschiedenen Rasenmähern umgebracht.

Dagenen sind die Gefahren, die durch die terroristischen Gruppierungen entstehen, multikausal und interdependent. In ihrer Struktur erinnern sie eher an ein Netzwerk. Es könnte mehrere Terrorzellen geben, die verschiedene Anschläge in verschiedenen Städten planen.

Es ist wirklich besorgnisrregend, dass den Experten der Royal Statistc Society diese Differenzen offenbar nicht geläufig sind…

 

Quellen:

Fenton Norman und Neil Martin: „Are lawnmowers a greater risk than terrorists?“ (http://www.eecs.qmul.ac.uk/~norman/papers/lawnmowers.pdf)

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