Wie messen Statistiker unser Leben?

Wie groß ist die Wahrcheinlichkeit eines Menschen zu sterben und das an jedem einzelnen Tag?

Die Antwort lautet: ungefähr 1 Mikromort. Im folgenden Beitrag erkläre ich es genauer….

Das Risiko an einem Tag ums Leben zu kommen wird häufig unter Statistiker in sogenannten Mikromorts gemessen. Ein Mikromort sagt uns vom Prinzip, wie wahrscheinlich ist es an einem Tag zu sterben und zwar im Verhältnis 1 zu 1 Million. Generell ist so eine Aussage vor allem bei akuten Todesfällen am besten möglich.*

Was ist ein Mikromort?

Nach Wikipedia ist ein Mikromort eine Art von Mikrowahrscheinlichkeit:

„Eine Mikrowahrscheinlichkeit (microprobability) ist eine Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million, dass ein bestimmtes Ereignis eintritt; ein Mikromort ist entsprechend die Mikrowahrscheinlichkeit des Todes.“

Auf der Basis von Mikromort kann das allgemeine Risiko des Lebens erfasst werden. Man rechnet einfach alle persönliche Mikromorts pro Tag zusammen.

Jetzt kommt aber das Entscheidende: Menschen leben nicht gleich. Wenn ich ein Kettenraucher bin, darf ich mir natürlich pro Tag mehr Mikromorts dazurechnen, als jemand der nicht raucht. Es ist dann auch eben nicht nur ein Mikromort pro Tag.

So kommt es, dass die Menschen je nach persönlichen Lebensstil am Ende des Tages unterschiedliche Lebenserwartungen haben.

Das praktische an Mikromorts ist, dass man auf diese Art und Weise verschiedene Risiken sehr gut vergleichen kann.

Ein Beispiel aus dem Buch von Blastland und Spiegelhalter*:

die Wahrscheinlichkeit bei einer Standardoperation aus der Narkose nicht aufzuwachen beträgt in Wales (Großbritannien) 1 zu 100 000 Menschen. Dieses Risiko ausgedrückt in Mikromorts beträgt 10 Mikromorts. Nicht wenig…

Haben sie morgen OP? Dann können sie für den morgigen Tag 10 Mikromorts als Lebensrisiko dazurechnen.

Anders gesagt: ihr Risiko zu sterben verzehnfacht sich für den morgigen Tag.

In der folgenden Tabelle habe ich einige Beispiele für Mikromorts zusammengefasst. Als Datenquelle diente mir das Buch von Spiegelhalter und Blastland. Sie haben ihre Daten aus Britischen Amtsstatistiken bezogen (Wales). Allerdings gehe ich davon aus, dass sie für Deutschland nicht anders sind.

Daten: Spiegelhalter und Blastland (2013); Visualisierung mit Tableau

In der Tabelle sieht man, was für Risiko Frauen mit einer Geburt eingehen. Offenbar ist ein Fallschrimsprung deutlich weniger riskant…

Wir können also das Leben als eine Ansammlung von Mikromorts betrachten.

Wozu ist dieser Vergleich gut?

Ein Beispiel…

Das Bundesinstitut für Risikobewertung schreibt Pestizid XYZ hat nur eine sehr geringe Auswirkung auf die Gesundheit der Menschen (sagen wir 0.01 Mikromorts). Die Medien und breite Öffentlichkeit geben dann eine Entwarnung: das Pestizid ist sicher!

Allerdings wissen wir ja nicht wie viele Pestizide so ein Mensch pro Tag zu sich nimmt. Wenn es 30 sind, dann ist es schon 0.3 Mikromorts. Also 30 % eines Mikromorts kann jeder für sich jeden Tag dazurechnen. Über die Jahre kann da schon eine Menge an Mikromorts alleine aufgrund der Pestizide dazu kommen. Ob das dann immer noch so sicher ist?

Die Menschen (auch das Bundesinstitut für Risikobewertung) haben häufig nur die einzelnen Risiken im Blick und beachten nicht, dass sich die Risiken kumulieren können. Was zunächst als ein überschaubares Risiko auschaut, kann in Verbindung mit anderen kleineren Risiken den Unterschied ausmachen, ob jemand statistisch gesehen 60 oder 80 Jahre alt wird.

Am Beispiel von Mikromorts sehen wir, dass das Leben und Russisches Roulette vieles Gemeinsam haben.

Wert des Lebens in Mikromorts berechnet

Mit Mikromorts kann (so schlimm es klingen mag) der „Wert“ des Lebens berechnet werden. Tatsächlich machen es manche Behörden auch. Wie viel sind wir also der Regierung wert?

Blastland und Spiegelhalter schreiben in ihrem Buch (s. 29):

„Wenn der Bau einer Kreuzung ein Menschenleben retten kann, dann sind die Behörden in Großbritannien bereit 1,3 Millionen Euro dafür auszugenben. Das heißt, der Staat beziffert einen Mikromort mit einem Millionstel dieses Betrags also etwa 1,3 Euro“.

Unser Mikromort ist also im Kontext der Strassen der britischen Regierung 1,3 Euro wert. Amerikaner sind da zumindest laut Wikipedia großzügiger. Dort kostet so ein Mikromort schon 6,2 Dollar. Für Deutschland konnte ich leider keine Angaben bislang finden. Auch scheint das Bundesinstitut für Risikobewertung nicht mit Mikromorts zu arbeiten.

Wenn ich interessante Berechnungen für Deutschland finde, werde ich diesen Beitrag updaten.

 

 

Quellen:

*Im heutigen Beitrag habe ich mich stark auf die Angaben aus dem Buch von Michael Blastland und David Spiegelhalter: „Wirst du nicht vom Blitz erschlagen, lebst du noch in tausend Jahren“ gestützt.  Das Buch ist sehr lesenswert. (unbauftragte Werbung)

 

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