Was für eine digitale Infrastruktur brauchen wir?

Heute bespreche ich einen Blogbeitrag von Dani Grant und Nick Grossman für Union Square Ventures mit dem Titel: „The Myth of Infrastructure Phase.“ In diesem Beitrag räumen die Autoren mit dem Mythos rund um den Ausbau der digitalen Infrastruktur auf. Dieser Mythos scheint insbesondere im Bereich Web 3.0 (Internet der Dinge) Anklang zu finden.

Infrastrukturzyklus in der Geschichte

Grant und Grossman kritisieren die Annahme, dass die Entwicklung der Infrastruktur, hier als digitale Infrastruktur gemeint, den Vorrang hat. Laut Autoren priorisiere die herrschende Meinung den Ausbau der Infrastruktur vor dem Hintergrund der Überzeugung, dass auf eine gut ausgebaute Infrastruktur die entsprechenden Innovationen (Applikationen) folgen.

Diese Annahme sei laut Grant und Grossman falsch:

“ […] the history of new technologies shows that apps [applications] beget infrastructure, not the other way around. It’s not that first we build all the infrastructure, and once we have the infrastructure we need, we begin to build apps. It’s exactly the opposite.“

Laut Autoren das Gegenteil ist der Fall: zunächst kommt die Innovation und diese verlangt dann nach neuen Infrastruktur. Auf diese Weise kommt es zu einem Zyklus:

applications=>infrastructure=>applications=>infrastructure

Es ist also die Innovation, die eine neue Infrastruktur anfordert und nicht umgekehrt.

Ein Blick auf die Geschichte der Innovationen scheint den Autoren Recht zu geben.

Das Stromnetz wurde erst nach der Entwicklung der Glühbirne gebaut. Auch wurden die Flughäfen nicht vor den Flugzeugen gebaut.

Es kam niemand aus der Regierung und sagte: „Schnell, wir müssen Flughäfen bauen. Bald werden die Flugzeuge entstehen.“

Es war vielmehr so, dass Glühbirne und Flugzeuge in mehreren iterativen Schritten entwickelt wurden. Der Ausbau bzw. Bau der Infrastruktur folgte erst nachdem es absehbar war, dass diese Entwicklungen in der Praxis einsetzbar werden.

Digitale Infrastruktur / Blockchain

Ähnlich verhält es sich laut Autoren im Fall der digitalen Infrastruktur. Sie wurde erst rund um die entsprechenden Anwendungen gebaut.

Die Anwendung vom Messenger ermöglichte erst die Entstehung der Infrastruktur, die daruf folgend E-Mail ermöglichte. Auf die E-Mail folgte der Ausbau des Word Wide Web und dies ermöglichte dann weiter die Entstehung solcher Firmen wie Amazon.

Amazon und ähnliche Firmen prägten dann die Entwicklung neuer Programmiersprachen, die auf die Internetanwendungen spezialisiert sind, wie PHP und JavaScript. Diese Entwicklungen ermöglichten dann wiederum die Entstehung von Sozialen Netzwerken wie Facebook.

Ähnliche Entwicklung sehen Grant und Grossman auch für die Blockchaintechnolgie.

Auf Bitcoin folgte weitere Infrastruktur wie Sidechain und Ethereum Smart Contracts. Diese ermöglichten dann die Entstehung neuerer Applikationen wie Tokens (ICO) und CryptoKitties.

Dieser Zyklus der digitalen Innovation folgt einem ähnlichen Muster wie dem der Innovationen aus dem vordigitalen Zeitalter.

Adjacent Possible

Das Konzept dieser Ideenentstehung wurde das erste Mal unter dem Begriff „adjacent possible“ von Biologen Stuart Kaufmann erfasst. Dieses Konzept wurde dann durch Steven Johnson im Buch „Where Good Ideas Come From“ popularisiert.

Im Konzept des adjacent possible geht es um die Feststellung, dass die Innovation im Bereich des Nächstmöglichen passiert. Ähnlich wie die Evolution baut die Innovation auf alten Ideen auf. Um eine Innovation zu verwirklichen muss sie sich bereits im Bereich des Möglichen (adjacent possible) befinden.

Um es kurz zusammenzufassen:

Neue Ideen enstehen aus Netzwerken bereits existierender Ideen. Die Innovationen bedingen sich gegenseitig. Diese Entwicklung spiegelt sich in der Entwicklung der Infrastruktur für die Innovationen.

Infrastur – Regierungsperspektive vs Investorperspektive

Hier zeigt sich auch deutlich das Dilemma: wann soll ich in die Infrastruktur investieren?

Oft erweist sich das Investieren in Infrastruktur vor dem Hintergrund der entsprechenden Innovationen als Spekulation. Wir könnnen uns nicht sicher sein, ob die Entstehung neuer Applikation, wie beispielsweise Bitcoin, tatsächlich die Entwicklung neuer Infrastruktur notwendig macht.

Aus der Regierungsperspektive wäre aus diesem Grund sicherlich sinvoller zunächst in die Innovationskraft der Gesellschaft zu investieren und nicht unbedingt (nur) in die Infrastruktur.

Aus der Investorenperspektive gestaltet sich dieses Problem, laut Grant und Grossman, ähnlich. Auf der einen Seite ist es nicht sinvoll in die Infrastruktur zu früh zu investieren, denn die Glühbirnen ohne Stromnetze werden auch nicht nachgefragt. Auf der anderen Seite müssen die Investoren den sogenannten Wendepunkt (tipping point) erwischen, wo die neue Applikation tatsächlich kurz vor dem Eintritt in die praktische Anwendung steht.

Als eine etwas neuere Entwicklung in diesem Bereich bemerken die Autoren, dass im Fall der Blockchain Technologie dieser Zusammenahng Infrastruktur – Innovation aufzubrechen scheint, denn hier lassen sich die Applikationen von der Infrastruktur nicht strikt unterscheiden. Diesem Zusammenhang werde ich in einem weiteren Beitrag ausführlicher behandeln.

 

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